Archiv für den Monat: April 2013

Tun: Vergewaltigt. Zum Schweigen gebracht. Ignoriert.

…sind die Schlagworte zum Programm des diesjährigen türkischen Frauenfilmfestivals Filmmor, welches seit elf Jahren vom feministischen Kollektiv film mor kadin veranstaltet wird. Mit ihren Filmvorführungen kämpfen die Filmemacherinnen gegen eben das an: von einer chauvinistischen Gesellschaft zum Schweigen gebracht zu werden. Ihr Motto: „To produce, to oppose, to dream and to act with women for women“ („Produzieren, sich widersetzen, träumen und handeln – mit Frauen für Frauen.“). Darum reist das Festival nicht nur von Istanbul aus durch große Teile der Türkei, sondern bietet auch Film-Workshops und Unterstützung für alle Frauen an, die sich filmisch ausdrücken wollen.

Wir haben mit Deniz Nihan Aktan, einer Aktivistin des Kollektivs, in einem Email-Interview übers Frausein in der türkischen Männergesellschaft gesprochen. Das Interview wurde auf Englisch geführt, eine deutsche Übersetzung findet Ihr direkt darunter.

Der Trailer zum 11. Filmmor 2013 (mit englischen Untertiteln)

Here She Is: Do you like being a woman?

Deniz: Answering to this question is a bit risky since it has a risk of being essentialist. What makes someone a woman does not have any strict rules or patterns, in my opinion.

Here She Is: What problems do Turkish women face?

Deniz: Women who live in Turkey have many problems like women all around the world. To be culture-specific, we can emphasize on the violence, inequality, and discrimination fed by overt or covert impacts of traditionalism and conservatism.

Supported by the ruling political party for ten years, conservatism is being strengthened and legitimized.

FaktenTürkeiEngl

Here She Is: Moreover you are a feminist as well.

Deniz: Being a feminist in Turkey, although accompanied by a constant marginalization, is enriching since it promises many encounters and alliances for someone. I love the feeling of solidarity and resistance we carry on against the sexist and heteronormative structure of the everyday life. We are organized in many areas of life and we are following the agenda to increase our voice against any kind of inequality. We never give up discussing, resisting, and also learning from each other.

Here She Is: What do you dream of?

Deniz: My dream is to live in a world which is beyond the binary of genders.

DenizKachel

Deniz Nihan Aktan

Hier die deutsche Version:

Here She Is: Bist du gerne Frau?

Deniz: Es ist ein bisschen brenzlig diese Frage zu beantworten, weil es die Gefahr birgt gleich als Essentialistin abgestempelt zu werden. Meiner Meinung nach gibt es keine strengen Regeln oder Verhaltensmuster, die bestimmen, was jemanden zur Frau macht.

Here She Is: Mit welchen Problemen haben türkische Frauen zu kämpfen?

Deniz: Frauen, die in der Türkei leben, haben viele Probleme, genau wie Frauen überall auf der Welt. Um bei unserer Kultur zu bleiben, kann man die Gewalt, Ungleichheit und Diskriminierung hervorheben, alles mehr oder weniger offensichtliche Folgen des Traditionalismus und des Konservativismus. Und dieser Konservativismus wird durch die Regierung seit zehn Jahren auch noch gestärkt und legitimiert.

FaktenTürkeiDeutsch

Deniz: Feministin in der Türkei zu sein, bereichert dein Leben, obwohl es auch eine konstante Ausgrenzung bedeutet. Du gewinnst neue persönliche Kontakte und gehst neue Bündnisse ein. Ich mag das Gefühl von Zusammengehörigkeit und den Widerstand gegen den Sexismus und die Heteronormativität im Alltag. Wir sind in vielen Bereichen des Lebens organisiert und erheben unsere Stimmen gegen jegliche Form von Ungleichheit. Wir werden niemals aufhören zu diskutieren, Widerstand zu leisten und voneinander zu lernen.

Here She Is:Wovon träumst Du?

Deniz: Mein Traum ist es, in einer Welt zu leben, die die Binarität der Geschlechter überwindet.

Team Filmmor

Feministisches Kollektiv „film mor kadin“

Toll: Frau Nemetz sein

Liebe Internetgemeinde,

heute stellt euch Vera Drude Frau Nemetz vor: Eine leidenschaftliche, warme und humorvolle Frau, die uns beweist, dass zur Friseurin gehen ein soziales Event ist.

Vera Drude ist Filmemacherin aus München und war so großzügig, uns die Doku exklusiv veröffentlichen zu lassen. Wir verbeugen uns in tiefer Dankbarkeit und hoffen, dass ihr diese genauso genießt wie wir.

And heeere she is… Frau Nemetz!

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P.S.: Wer selbst in den Genuss kommen möchte, die eigene Kopfbehaarung von Frau Nemetz gestaltet zu bekommen, findet ihren Salon hier: www.facebook.com/SalonNemetz

Text: Frausein

Schaut man in das Reich der Vögel, wird man von der Fülle und Artenvielfalt, die einem da entgegen springen, umgehauen: bunte, graue, singende, sprechende, mit kleinem oder großem Schnabel, welche, die fliegen können, ja, sogar welche, die es nicht können. Es ist also nicht verwunderlich, dass die deutsche Nation jedes Jahr einer Vogelart widmet, um auf sie aufmerksam zu machen, sie zu feiern und zu bewahren. 1975 war das Jahr des Goldregenpfeifers. – Und es war das Jahr der Frau. Auf welche Art von Frau hat man sich nicht festgelegt. Vielleicht war die Welt zu überrumpelt von der Tatsache, dass sie diese Spezies überhaupt wiederentdeckt hat.

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Zu verdanken haben wir diese Wiederentdeckung der zweiten feministischen Bewegung. Genauso wie die Erkenntnis, dass das Reich der Frauen – man höre und staune – mannigfaltig sein kann. In einem legendären TV-Duell in eben diesem Jahr diskutierten Alice Schwarzer und Esther Vilar über das Frausein in der BRD der 70er Jahre. Während sich Schwarzer gerade langsam zur Galionsfigur des westdeutschen Feminismus aufschwang, wurde Vilar für Bücher wie Der dressierte Mann und Das polygame Geschlecht. Das Recht des Mannes auf zwei Frauen bekannt. Darin macht Vilar vor allem zwei Frauentypen aus: die männlichen und weiblichen Feministinnen. Sie behauptet weiter, dass diese männlichen, wie Alice Schwarzer eine sei, ihre Vagina als wichtigstes Instrument einsetzten, um den Mann zu unterdrücken. Was passiert also, wenn zwei so unterschiedliche Frauen aufeinander treffen? Schaut euch den Spaß selbst an:

Spult man ein paar Jahrzehnte vor, haben, zum Leidwesen von Frau Vilar und einigen Männern, immer mehr Frauen ihre Vagina eingesetzt, um Gleichberechtigung und mehr Artenvielfalt für sich zu erkämpfen. Beschreibungen wie weich, emotional, schwach sind 1997 obsolet geworden, denn Meredith Brooks erweitert das Spektrum singend: „I’m a bitch, I’m a lover, I’m a child, I’m a mother, I’m a sinner, I’m a saint. I do not feel ashamed.“ Ob ihre Vagina eher beim Texten oder Komponieren geholfen hat, ist nicht überliefert.

Unklar bleibt bis heute auch, wie viele Arten von Frauen es tatsächlich gibt. Doch scheint sich der Mainstream immer mehr der Erkenntnis zu nähern, dass Frauen in allen Formen, Farben, bunt, grau, singend oder sprechend schön sind und als solches zu bewahren. Frauen weltweit können sich dennoch nicht in Sicherheit wiegen: In einer Gesellschaft, in der Schönheit nach wie vor eines der wichtigsten Kriterien für Akzeptanz und Erfolg ist, werden Frauen auch gerne in Schönheitswettbewerben gegeneinander ausgespielt. Und keine hat das witziger auf den Punkt bringen können als die nominierten Comedy-Ladies bei der Emmy-Verleihung 2011. Sechs unterschiedliche Frauen, die sich vergleichen lassen müssen, nur damit eine am Ende Krone und Blumenstrauß tragen darf.

 

Und wie sieht Frausein 2013 aus? Was bedeutet es zum Beispiel, in einem Land wie der Türkei Frau zu sein? Braucht man fürs Frausein überhaupt eine Vagina? Und wenn ja, wie viele? Unser Blog wird diesen Monat all das und noch mehr beantworten.

Eure Janina